Also, an uns lag’s nicht!

Die Tage bekam ich beim Aufräumen einen Flyer in die Hand, der die Vorzüge eines Notebooks mit ausfahrbarem Display bewarb. Der Hersteller war vor ein paar Jahren ein Projektkunde von uns, das Produkt eine echte Sensation – aber leider ein Flop. Tatsächlich hatten wir immer mal wieder solche Produkte und Dienstleistungen, die wir bekannt machen sollten, die aber nicht ganz den Bedarf des Marktes trafen.

Das ergonomische Notebook

Schon vor 15 Jahren machten Notebooks stationären Büro-PCs Konkurrenz. „Doch die feste Verbindung zwischen Tastatur und Display erzwingt eine unbequeme Arbeitshaltung mit nach unten gerichtetem Blick“, hieß es damals in unserer Presseinformation. Vor allem dann, wenn Notebook-Nutzer länger in Umgebungen wie Hotels oder bei einem Kundenunternehmen arbeiten (klassisches Beispiel hierfür: der Wirtschaftsprüfer).  Während externe Monitore in Kombination mit Dockingstations und Tastaturen zwar Abhilfe schafften, waren sie wiederum kaum transportabel. Das hatte ein Schweizer Startup erkannt und zusammen mit einem renommierten Designer das erste ergonomische Notebook auf den Markt gebracht. Der Anwender stellt es auf, zieht das Display bis zur gewünschten Höhe nach oben heraus und hat fortan den Bildschirm auf Augenhöhe. Weil der Rechner dadurch eine etwas andere Statik benötigte, war er mit gut dreieinhalb Kilogramm auch deutlich schwerer als die Konkurrenzmodelle. Der neue Ansatz begeisterte die Medien: Wir gingen mehrfach auf Redaktionstour, stellten Testgeräte zur Verfügung und erzielten mit unseren Beiträgen eine enorme Reichweite, das Gerät wurde zum „Produkt des Monats“ gekürt. Aus PR-Sicht war der Produktlaunch ein großer Erfolg, aus Vertriebssicht leider nicht: Die Verkaufszahlen bewegten sich im unteren dreistelligen Bereich, das Unternehmen verabschiedete sich schnell wieder vom Markt.

Der ISDN-Teleschreiber

Schon in den ersten Jahren unserer Agentur beschäftigten wir uns intensiv mit dem Thema Telekommunikation. Damals wurde gerade das Integrated Services Digital Network, kurz ISDN, eingeführt. Die Älteren erinnern sich: Das war der internationale Standard der Übertragungs- und Vermittlungstechnik in einem digitalen Netz, in dem künftig Sprache, Daten, Text und Bilder transportiert werden konnten. Ein ISDN-Basisanschluss verfügte über zwei Kanäle à 64 kbit/s, zusammen ergab das also eine Gesamtbandbreite von 128 kbit/s. Dass Unternehmen damit Daten von einem Rechner zum anderen versenden konnten, war eine nachvollziehbare Anwendung. Beim Telefonieren würde sich die Sprachqualität verbessern (was meines Erachtens nie der Fall war). Aber schon das Versenden von Bildern war ein eher exotischer Dienst, vielleicht für Werbeagenturen oder Fotografen sinnvoll. Um aber ISDN eines Tages auch in die Privathaushalte zu bringen, brauchte es neue Anwendungen und Geräte – wie z. B. den Teleschreiber unseres Kunden. Das war ein Gerät bestehend aus einem kleinen Display und einem Pad, auf dem man mit einem Griffel schreiben und zeichnen konnte. Das Besondere war, dass die Zeichnungen nicht nur auf dem eigenen kleinen Bildschirm angezeigt wurden, sondern auch auf dem Bildschirm eine anderes Teleschreibers, der – über ISDN angebunden – wenige Meter oder viele hundert Kilometer entfernt stehen konnte. So ließen sich gezeichnete Grüße schicken oder die „Montagsmaler“ nachspielen. Auf der CeBIT in Hannover war’s eine Sensation, der Bundespostminister ließ sich damit ablichten, die Medien berichteten. Zur Marktreife hat es das Gerät nie geschafft. (Das war auch nicht nötig, denn bekanntermaßen fanden sich im Laufe der Zeit andere Anwendungen, um die 2 x 64 kbit/s einigermaßen sinnvoll zu nutzen.)

Die Revolution bei Gefahrguttransporten

Mit dem Thema Gefahrguttransporte hatte ich mich davor nie befasst. Doch dann meldete sich bei uns ein Start-up, das das Zeug hatte, eine ganze Branche auf den Kopf zu stellen. Die Idee entstand aus der Doktorarbeit eines der Firmengründer: Er hatte einen innovativen Edelstahlcontainer entwickelt, der wiederverwendbar, gut handhabbar und für alle möglichen Gefahrgüter einsetzbar war. Er konnte Einwegbehälter ersetzen, musste nicht wie andere Behälter nach jedem Einsatz gereinigt und konditioniert werden. Er konnte bei einem Unfall nicht platzen, was das aufwändige Reparieren von Straßenbelägen nach einem Unfall mit Gefahrgut ersparte. In seiner Doktorarbeit konnte der Unternehmer nachweisen, dass der branchenweite Einsatz seiner Lösung einen jährlichen volkswirtschaftlichen Nutzen in zweistelliger Milliardenhöhe versprach. Für jede auch noch so ausgefallene Frage hatte er einen nachvollziehbaren Lösungsansatz parat. Unsere PR-Aktivitäten waren fruchtbar – in Form von Veröffentlichungen, leider nicht von Aufträgen; das Unternehmen musste aufgeben. Der Grund: Die Gefahrgutlogistik ist ein Milliarden-Euro-Markt, auf dem sehr viele Akteure gutes Geld verdienen und der vielen Menschen einen Arbeitsplatz bietet. Die Idee unseres Kunden war zu ambitioniert, zu revolutionär, vielleicht zu früh. Der David war chancenlos gegen den Gefahrgutgoliath.

Was noch?

Wir unterstützten ein US-Unternehmen, das Elektroautos mit Wechselbatterien ausstatten wollte – die Medien fanden es interessant, der Markt nicht. Wir organisierten eine Pressekonferenz, auf der ein Mobiltelefon vorgestellt wurde, das eigentlich ein Smartphone war; aber für Icons auf einem Touchscreen war der Markt noch nicht vorbereitet. Auch der famose Speicher, in dem Mietinteressenten Unterlagen für ihre potenziellen Vermieter in der Cloud bereitstellen konnten, hatte gegen Dropbox und Mails wenig Chancen. Selbst dem Kästchen, das zwischen Ladenkasse und Drucker eingebunden DM-Beträge schnell in Euro-Beträge umrechnen konnte, blieb der Markterfolg vorenthalten. Genauso wie dem französischen Leichtfahrzeug, das man bereits mit 16 Jahren fahren konnte und das in Italien ein echter Burner war. Für alle diese Produkte haben unsere PR-Aktionen zu zahlreichen Veröffentlichungen, Likes und jeder Menge positiver medialer Resonanz geführt – aber leider haben sie alle gefloppt. Also, an uns lag’s nicht …

Über den Verfasser

Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.

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