Am vergangenen Mittwoch erhielt ich eine Nachricht über LinkedIn von der mir bis dato unbekannten Isla Lennox: Sie sei aufgrund meiner Postings zu Hightech-Themen auf mich aufmerksam geworden. Sie arbeitete bei einer britischen Roboterfirma, für die sie nach Weihnachten in Stuttgart das Deutschlandbüro aufbauen werde, und sie sei auf der Suche nach einer Kommunikationsagentur.
Mmh, ich schau mir zunächst mal die Profilseite von Isla an: Sie arbeitet tatsächlich als Program Director bei einem renommierten Hersteller von Robotern in London, war davor bei einem anderen Unternehmen als Senior Program Director tätig und davor vier Jahre lang in unterschiedlichen Positionen bei FANUC. Studium in Manchester und Sydney. Einige lesenswerte Beiträge gepostet bzw. geteilt, teilweise mit erstaunlicher Resonanz aus der Community. Macht alles einen seriösen Eindruck. New-Biz-Anfragen via LinkedIn kommen ja durchaus vor. Ich antworte ihr.
Es entsteht ein kleiner Dialog
Es entsteht ein kleiner Dialog: Sie schreibt mir, was sie braucht. Ich berichte, was wir können. Sie fragt, was man in Stuttgart kennen sollte. Ich empfehle ihr den Besuch des Mercedes-Benz Museums und der Staatsgalerie. Sie teilt mir mit, dass sie das interessant findet und gerne einen Kennenlerntermin vereinbaren möchte. So weit, so gut.
Ich schlage ihr einen Termin im neuen Jahr vor, wenn sie ohnehin in Stuttgart sei. Sie findet die Idee gut, bittet, die künftige Kommunikation via WhatsApp zu führen. Ich werde etwas skeptisch, schaue mir noch einmal Islas Profil an und schicke ihre meine Kontaktdaten.
Kurz darauf: WhatsApp-Nachricht von Isla: „Hello, it’s me, Isla. We‘ve chatted von LinkedIn.“ Geht mir ein bisschen schnell, ich schreibe was Unverfängliches wie: „Nice to see you here.“ Sie: „Isla, this stands for joy, happiness and luck!“. Hä?? Sie weiter: „Could we have a phone call today?“ Ich: „Today I am short of time, better tomorrow.“ Sie schickt mir ein GIF mit einer Espresso-Maschine: „I will have a coffee soon. What helps you get through the day?“ Jetzt finde ich es seltsam, zeige die Korrespondenz meiner Kollegin und bitte um ihre Einschätzung. Beide sind wir der Meinung, die „Akquiseaktion“ zunächst einmal nicht weiterzuführen.
Zwei Stunden später schickt Irma die nächste Nachricht
Zwei Stunden später schickt Isla die nächste Nachricht, in der sie sich beschwert, dass ich ihre Frage nicht beantwortet habe, was doch ein sehr unfreundlicher Act gegenüber einer Dame sei.
Das wird mir zu übergriffig. Die Tatsache, womöglich einen interessanten Kunden nicht zu gewinnen, nehme ich in Kauf, lösche die WhatsApp-Kommunikation, blockiere Isla und mache dasselbe auf LinkedIn, zudem melde ich die verdächtige Person. Um auf Nummer sicher zu gehen, ruft meine Kollegin bei dem britischen Roboterhersteller in London an und will sich mit Isla Lennox verbinden lassen – welch Überraschung: Eine Mitarbeiterin mit diesem Namen gibt es dort nicht.

Isla, Ella oder wie auch immer sie heißt, wirkt sympathisch und echt, ist aber KI-generiert.
Ich schau mir das LinkedIn-Profil von Frau Lennox jetzt noch einmal an: Das Foto – sie sieht zugegebenermaßen ziemlich gut aus – dürfte bei ganz genauem Hinschauen ein KI-generiertes Bild sein. Bei der Angabe ihres aktuellen Arbeitgebers hat sie offenbar versehentlich einen Blanc vor den Unternehmensnamen gesetzt, weshalb auch das Logo des Unternehmens nicht dargestellt wird. Und schließlich: 307 Kontakte (inzwischen sind es nur noch 204?) sind in der Tat recht wenige. Aber: alles durchaus möglich.
Vermutlich konnte ich einen Scammingversuch rechtzeitig abwehren
Vermutlich konnte ich einen Scammingversuch rechtzeitig abwehren. Ich bin zwar grundsätzlich misstrauisch bei der Kontaktaufnahme von fremden Menschen, im Fall von Isla wurde ich aber erst skeptisch, als sie den Aufbau einer Beziehung so sehr forcierte. Dass dies genau die Methode ist, mit der Lovescammer neue Opfer suchen, lese ich zwei Tage später im SPIEGEL: Dort wird die Geschichte von Norbert Schulz erzählt, der ebenfalls via LinkedIn kontaktiert wurde, von „Ella“, für die er bereit war, seine Ehe zu beenden, sein Haus zu verkaufen, sein ganzes Leben hinter sich zu lassen. Ella Davenport wurde erfunden, um ihm Geld zu stehlen.
Über Scamming habe ich schon einiges gelesen und mich über die vermeintliche Naivität der Opfer gewundert. Nach Islas professionellem Versuch, sich mir zu nähern, kann ich durchaus nachvollziehen, dass diese Betrüger*innen bei vielen Menschen leichtes Spiel haben. Dass LinkedIn hier ein Einfallstor für perfide Manipulation ist, hätte ich nicht unbedingt erwartet.
Meine kurze Erfahrung inkl. rechtzeitig gezogener Notbremse möge als Warnung verstanden werden.
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