
Im vergangenen Jahr habe ich auf der Maschinenbaumesse AMB zum ersten Mal einen kollaborierenden Roboter, einen sogenannten Cobot, live gesehen. Dort hat er eine Drehmaschine bestückt. Jetzt habe ich gelernt, dass Cobots auch helfen können, Menschen mit Einschränkungen auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.
Ein Cobot ist ein Roboter, der speziell dafür entwickelt wurde, mit Menschen in einem gemeinsamen Arbeitsbereich zusammenzuarbeiten. Im Gegensatz zu herkömmlichen Industrierobotern, die eingehaust oder in durch Schutzzäune abgetrennten Bereichen ihre Aufgaben verrichten, können Cobots direkt neben Menschen arbeiten und mit ihnen interagieren. Beim Annähern verlangsamen sie ihre Bewegung oder bleiben stehen.
Cobots ersetzen Arbeitskräfte …
Ihre einfache Bedienung und hohe Flexibilität qualifizieren sie in der Fabrik für vielfältige Aufgaben – von der Bestückung von Mess-, Dreh-, Fräs- und Bohrmaschinen über die Bauteilmontage bis hin zur Verpackung. Sie übernehmen eintönige und zeitraubende Abläufe und verschaffen ihren menschlichen Kollegen damit Luft für qualifizierte Aufgaben.
Bei seiner Cobot-Präsentation zeigt unser Kunde HAHN+KOLB das Handling unterschiedlicher Bauteile: Greifer fassten runde oder kubische Werkstücke, öffneten die Türen von Maschinen und bestückten sie oder reinigten Werkstücke mit Druckluft. „Cobots entlasten die Kollegen und erhöhen die Maschinenlaufzeiten, beispielsweise über die Mittagspause und nach Feierabend“, weiß Norbert Salbeck, Anwendungstechniker Zerspanung bei HAHN+KOLB. „Für viele Fertigungsbetriebe sind die kollaborierenden Roboter eine gute Lösung angesichts des bestehenden Fachkräftemangels.

… oder schaffen Arbeitsplätze
Vergangene Woche nahm ich – eher zufällig – an einer Konferenz zum Thema Inklusion teil. Hier drehte sich alles darum, Ansätze zu finden, wie sich Menschen mit Einschränkungen in den ersten Arbeitsmarkt einbinden lassen. So berichtete z. B. ein Hotelmanager über seine guten Erfahrungen mit gehörlosen Mitarbeitenden im Housekeeping, verschiedene private und öffentliche Einrichtungen stellten ihre Beratungskonzepte vor. Am meisten hat mich aber der Vortrag von Prof. Dr. Mathias Hüsing vom Institut für Getriebetechnik, Maschinendynamik und Robotik an der RWTH Aachen beeindruckt.
Hüsing zeigte nämlich, wie Cobots die Integration und Inklusion von Menschen mit physischen Einschränkungen oder Schwerbehinderungen ermöglichen – sowohl im ersten Arbeitsmarkt als auch in Einrichtungen und Werkstätten. Die kollaborativen Roboter können die eingeschränkten Leistungsfähigkeiten der schwerbehinderten Menschen zielgerichtet ausgleichen. So greift zum Beispiel der Cobot nach speziellen Schraubdeckeln, führt diese einer Mitarbeiterin zur Sichtkontrolle vor, die dann entscheidet, ob die Qualität stimmt oder ob nachgearbeitet werden muss. In der Motorenfertigung bei Ford erhält ein Mitarbeiter Unterstützung durch einen Cobot, indem dieser schwere Bauteile hebt und für die Montage fixiert. In einem Labor schüttelt ein Cobot drei bis fünf Kilo schwere Glaskolben mit Flüssigkeiten für die anschließende Analyse.
Zahlreiche industrielle Betriebe beschäftigen zwar bereits Menschen mit Behinderungen, doch zumeist nur für sehr einfache Tätigkeiten und isoliert von den übrigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmern. Dies führt nicht zu einer Inklusion, sondern nur zu einer Integration in Form von Separation, in der schwerbehinderte Menschen sozial und räumlich ausgegrenzt werden.
Während also Cobots im „normalen“ Einsatz darauf ausgelegt sind, Arbeitskräfte zu ersetzen, weil aufgrund von Fachkräftemangel nicht verfügbar, erfüllen sie bei der Inklusion die gegenteilige Aufgabe: nämlich Arbeitsplätze zu schaffen, und zwar im ersten Arbeitsmarkt und nachhaltig.
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Bild 2: © HAHN+KOLB
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