Die Zahlen sind bekannt: 30 Prozent des CO2-Ausstoßes, 40 Prozent des Energieverbrauchs, 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs und 60 Prozent des Abfallaufkommens gehen auf den Bausektor zurück. Als weltweite Haupttreiberin des Klimawandels ist die Bauwirtschaft eine Schlüsselbranche beim Reduzieren der Treibhausgasemissionen. Wie kann der Mensch die gebaute Umwelt resilienter gestalten – mit Material als Ressource und Maschinen als Werkzeug? Was ist, wenn die KI mitgestaltet?
Ich habe mich inspirieren lassen beim 6. Symposium Zukunft Bauen – Mensch, Material und Maschine – der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und der internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart.
Mehr reden: Bauen in die Breite tragen
Ein- bis zweimal pro Woche – so oft berichtet der Deutschlandfunk über Architektur und Bauen. Über Literatur, Musik, Theater oder Film? Vierzigmal. Dabei verbringen wir 90 Prozent unseres Lebens in gebauten Räumen – und nur einen Bruchteil davon lesend, im Kino oder im Theater. Die Journalistin und Rundfunkmoderatorin Marietta Schwarz vom Deutschlandfunk bringt es auf den Punkt: Die Bauwende muss in den Köpfen der Menschen stattfinden. Und das wird sie nicht, solange gute Architektur und gelungene Stadtplanung in Fachzirkeln gefangen bleiben. Wir reden zu wenig über das, was uns täglich umgibt, was uns prägt, was unseren CO2-Fußabdruck mitbestimmt.
Doch wie schärft man das Auge von Bürgerinnen und Bürgern für die gebaute Umwelt? Schwarz ist da sicher: Gezielte Ästhetik schafft Aufmerksamkeit. Neue Technologien allein reichen für ein Umdenken nicht aus. Bauen muss zur Erzählung werden.
Marietta Schwarz nimmt die Dinge selbst in die Hand
Mitten in ihrem Berliner Wohnquartier begann eine Verkehrsberuhigungsmaßnahme direkt vor ihrer Haustür. Es wurden Straßen verengt, Pflastersteine verlegt, der Verkehr beruhigt und neu geregelt. Übrig blieb eine quadratische Fläche mit frischer Erde – ohne Nutzung. Da wurde Marietta Schwarz aktiv, recherchierte, schrieb Ämter an, sie wollte einen Baum pflanzen. Da sich dieses Vorhaben als nicht durchführbar erwies, kaufte sie kurzentschlossen eine große Anzahl Blumenzwiebeln, Samen und Stauden und bepflanzte das verwaiste Stück selbst. Das Ergebnis: ein attraktives blühendes Beet in der Stadt, das Nachbarn und Passanten zum Schauen und Verweilen einlädt. Eine Tafel erklärt, welche Pflanzen es zu betrachten gibt. Die Aktion war so erfolgreich, dass das Amt für Stadtbegrünung die gleichen Pflanzen in Beeten der Umgebung einsetzte.
Diese Stadträume werden nun gesehen. Die Menschen können teilhaben und die Verbesserung spüren. Schwarz‘ Plädoyer lautet, nicht aufhören sich für Schönes zu engagieren.

Die Rohstoffe der Zukunft sind schon da
Vor uns liegen einige Muster, die Elena Boerman, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KIT-Professur Nachhaltiges Bauen in Karlsruhe, aus ihrer Materialbibliothek mitgebracht hat: Lehmplatten, Hanfballen, Stroh zur Isolation oder für tragende Elemente, im Labor gezüchtete pilzbasierte Werkstoffe, gepresste Platten aus wiederverwertbarem Altglas – grün, braun oder opak weiß. Mich überraschen leichte Platten aus geschredderten Joghurtbechern – beispielsweise für den Innenausbau in Küche oder Bad. Jedes dieser Muster steht für den Wandel zu Materialien, die nicht mehr gleich auf der Deponie enden, sondern sortenrein in den Kreislauf zurückkehren. Sie sparen CO2, schonen Ressourcen und zeigen, was Wiederverwenden und Wiederverwerten möglich macht.
Wenn das Ende am Anfang mitgedacht wird
„Beim kreislaufgerechten Konstruieren sollte die Rückgewinnung der Materialien gleich mitgedacht werden“, erklärt Elena Boerman. Dies ist in der Praxis recht komplex, denn nicht jedes Material eignet sich. Auch Verbindungen müssen in der Planung berücksichtigt sein. Lassen sie sich leicht entfernen oder sind sie aus dem gleichen Baustoff? Welche gebrauchten Baustoffe eignen sich, wenn wir bestehende Gebäude als urbane Mine nutzen? Wie kategorisieren wir sie? Wie bewerten wir ihre Qualität?
Ohne ganzheitliches Denken, das wird schnell klar, kommen wir nicht weit. Hier hilft die Lebenszyklusanalyse: Sie gibt genaue Auskunft über die Umweltwirkungen eines Materials während seines gesamten Lebenszyklus – von der Gewinnung über die Verarbeitung bis zum Rückbau. Und wer konkret nach geeigneten Baustoffen sucht? Der kann in der Materialdatenbank MHD des KIT Karlsruhe fündig werden. Dort sind alle Kennwerte und Herstellungsprozesse von Baumaterialien hinterlegt – als digitales Gedächtnis für das, was wir verbauen wollen. KIT – KIT Materialbibliothek – KIT Materialbibliothek
Bauen neu verhandeln: Wie viel Macht sollen wir den Maschinen überlassen?
Digitale Planung und künstliche Intelligenz greifen bereits tief in Bauprozesse ein. Voll automatisiert platzieren und verschrauben Roboter vorgefertigte Teile und Drohnen kontrollieren die Baustelle. 3D-Visualisierungen von Bauskizzen entstehen in kürzester Zeit – samt gewünschtem Umfeld – im Wald, am Strand, in einer vorgegebenen Stadt – täuschend echt. Allein durch Sprachbefehle kann das Wunschhaus im Handumdrehen Gestalt annehmen und erscheint real. Oder ist es nur plausibel?

„Wie erkennen wir hyperreale Kontexte?“ Diese Frage stellt Felix Dölker, Professor für Gestaltung mit Künstlicher Intelligenz an der Hochschule Mainz, Fachbereich Gestaltung. Mir ist schnell klar: Nur mit vielen Detailkenntnissen lässt sich beurteilen, ob das von der KI erstellte Haus umgesetzt werden kann. Überhaupt sollten wir uns fragen: Was ist sinnvoll, was muss der Mensch machen? Wenn Maschinen Rechenleistungen und Roboter repetitive, körperlich belastende Arbeiten übernehmen, entstehen Freiräume für Menschen: kreativ denken, Zusammenhänge verstehen, Zahlen deuten, und ganz wichtig: Qualität beurteilen. Der Mensch muss die KI interpretieren können, denn sie trifft keine Entscheidungen. Sie schlägt vor und wir entscheiden.
Mein Fazit: Der Zeitpunkt für die Bauwende ist jetzt, wir haben die Werkzeuge, wir müssen sie nur nutzen. Mich beeindruckt die intelligente Kombination von Alt und Neu, die vorhandene graue Energie des Bestands einbezieht. Wenn die alte Betonfassade eines entkernten Gemeindehauses zur Innenwand wird, und eine attraktive transparente Hülle neue Nutzungen ermöglicht, ist für Menschen und Orte viel gewonnen.

Beitragsbild: Prof. Felix Dölker, Gestaltung mit Künstlicher Intelligenz, Hochschule Mainz, Fachbereich Gestaltung: Compositing: Stadtansicht von Stuttgart mit Hochhaus lokal generiert mit dem Open-Weights Modell „Qwen Image Edit 2509“
Bild 1: Markus Karl / Fotonoid: links Moderatorin Hannah Pinell, rechts Elena Boerman, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KIT-Professur Nachhaltiges Bauen, unter der Leitung von Prof. Dirk E. Hebel
Bild 2: Symposium Zukunft Bauen
Bild 3: KI-Visualisierung, Prof. Felix Dölker, Gestaltung mit Künstlicher Intelligenz, Hochschule Mainz, Fachbereich Gestaltung
Bilder 4: Symposium Zukunft Bauen
Das Symposium Zukunft Bauen fand im Rahmen der Zukunftstechnologietage auf der Messe Stuttgart statt – in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und der internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart.
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